Lyrik

Lyrik ist noch am einfachsten zu veröffentlichen. Nicht dass nennenswert viele Menschen sie läsen; Gedichte sind einfach in der Regel so kurz, dass selbst anspruchsvolle Literaturzeitschriften ihnen hier oder da ein Plätzchen einräumen. Hier also von wahrlich vielen zwei kurze und ein längeres:
 

Alte Freunde, neuer Versuch (2008)
Du hier ja wollte eigentlich schon früher aber erst
Kotzt mir der Hund dann finde ich die Bude nicht
3 Zimmer Maisonett Parkett und stilvoll aller Krempel
Im Container nach Schanghai und 19 Riesen plus
Ach hei in kaum 2 Jahren das ist fett und weitre
Mathe Leistung aus der Fleischkrematormenge
Gleicht sich wie 2 Unbekannte bist du nicht bist du nicht
Richtig kommt mir auch so vor was machst du

So und so Geschichte kannst du mich mit jagen
Löwenherz wenn Namen was zu sagen hätten
Stimmt mich auf den Abend ein denn heute
Wollen wir bei Wodkabrause lauem Bier
Unsterblich sein die Kiste wird noch eng genug und 
Wie im Flug vergeht die Zeit streng monoton
Und leicht gedehnt gegen unendlich endlich
Sehen wir uns Bio Philo Schüler Lehrer wieder

Nein nur schlechte Zellkopien wir sind fort
Für immer immer schwerer uns für uns zu halten
Aber eine neue Freundin meiner alten hegt Groll
Wie ein Blumenbeet in dem ein Schreckbild
Märchen spricht sag bist du nicht bist du nicht
Richtig irgendsowas wird es sein hau rein
Und schönen Gruß die Kiste wird noch eng genug
Werd ich nicht blöde ist das schon halb 12 bei Fuß

Ich warte Mahlheim Mülheim kein Reserveherz
Der Stadt auf meine Bahn den Tod und einen Grund
Noch einmal umzukehren stilvoll allen Krempel
Auf ein Schiff mit sieben Segeln und geheiratet
Ist glaub ich worden 19 Riesen wie ein Blumenbeet
Am Ende geht mir alles durcheinander nur
Der Hund wurde am Abfall selig den die kleine
Lange Glut abwarf und wäre gerne noch geblieben

 

Osterprogramm (2011)
Samstag des irgendwer sagte Hasenfestes
Christenhorrorthemenabend auf RTL 2
Mit Prophezeiungen Stigmata Exorzisten satt
Auf Kabel 1 schaut die Belucci gut aus
Aber traurig drein ihr Jesulein schwitzt
Schon die zweite Stunde Blut auf aramäisch
Auferstehung Woytila Vampire sonntags montags
Kirchen Kreuzritter und heiße Girls
Go Trabbi go
Wer früher stirbt ist länger tot

Am Dienstag
25 Jahre Tschernobyl
Und Nachträge zu Fukushima
Die Experten glauben fest
Noch sei es nicht zu spät
Zu beten

 

Paris en gros (2009)
1. Stimmendampf von nebenan
Wo Menschen kleine Leben leben
Hinterhöflich streicheln Polizeisirenen
Die gegerbten Trommelfelle
Und aus 10 mal 10.000 Kaminen
Steigt kein Fähnchen Rauch

Am schönsten ist Paris vielleicht am Morgen
Eh’ das Blechgewitter in die Straßen rollt
Hunde lesen Tageszeitung
Rinnsteinbäche tosen
Penner schau’n aus Tütenhäusern
Nutten kaufen ein Baguette

2. Paris ist eine alte Dame
Die des Nachts nicht schläft
Morgens nicht hochkommt
Und sich Fremden nur mit Schminke zeigt
Wer aber mit ihr lebt
Kennt sie auch unrasiert und zahnlos

Eine Stadt um grandios zu scheitern
Noch unter der Brücke
Scheint der Parisien ein Adliger
Ein Meister seiner Zunft zu sein
Auf nach Paris!
Und aus Gefieder werden Federn

3. Oh là là, c’est ça Paris
Die Damen der Rue Saint Denis
Mit ihren blankgewichsten Stiefeln
Steh’n Spalier
Ein weiterer Tag
Im Fronttheater

Steifes Fleisch schiebt sich aus Reisebussen
In die Ekelrestaurants und
Filmkabinen Place Pigalle
Oder rauf zu Sacré Cœur wo sich
Die Kohlezeichner zwischen treu und klug
Für letzteres entscheiden

4. Armenspeisung, Drittes.
Wie lang ist an der Bastille
Das Elend schon zuhaus
Ein Berber nimmt es leicht
Mit Augustinus leider
Hab’ ich wirklich keine Kippen

So ro–mantic
Lovely yeah
Look it’s amazing
All this architecture stuff
Oh mummy come on
Let’s go shopping

5. Paris ist Welthauptstadt
Wohlhabend mächtig wichtig
Lauwarm übervölkert
Ruhig und sauber denn
Wie in der sogenannten Welt
Leben 2/3 vor den Toren

Im teuren Sechzehnten tragen die Autos
Rammböcke zum Schutz
Vor ärgerlichen Selbstbeteiligungen
Denn am Ende der Geschichte weiß man
Nie was einem vor die Haube kommt
Jetzt fahren manche sogar Fahrrad

6.  Ah, Rive gauche! Mai ’68?
Lauter nette weiße reiche
Jugend rund um Saint-Germain-des-Prés
Zwar ist auch sonst nichts mehr wie früher
Und Beauvoir und Sartre sind längst tot
Aber das Aber fällt mir nicht mehr ein

Paris darf kein Museum werden!
Also Parkhaus? Oder Toys ‘R’ Us?
Nur selten werden Meister
Präsidenten oder Bürgermeister
Daher all die Speer-Spitzen
In ihren kargen Flanken

7. Manchmal fühl’ ich mich zu spät
Ein Trost: Picasso hat die Gasfabrik
Miller die Sex-Shops und
Jacques Brel die Klingeltöne nicht gekannt
Im Grunde haben also auch die anderen
Die Blütezeit der Stadt verpasst

Es heißt die wirklich geilen Partys
Finden in den Labyrinthen
Unterhalb der Straßendecke statt
Ich teile mit den meisten
Nur den Bremsbelag und Gummidunst
Die Obsthändler und Gitarristen

8. Alle 3 Minuten bleibt die Metro
Reibungslos erstaunlich randvoll
Herzschrittmacher von Paris
„Châtelet/Les Halles“ schrieb einer
„Meereskurort
Nur das Meer bleibt fort“

Paris so fremd vertraut
Ein Traum der einer bleiben muss
Das kann man nicht bezahlen
Man kann ja nicht mal atmen
Bleibe keinen Zug zu lang
Du wirst besinnungslos

9. Die Stadt für’s Leben
Einer Flipperkugel
Heiter glänzend zwischen Planke
Loch und Zielpunkt springen
Mit der Aussicht auf Erfolg
In Seligkeit womöglich

An der Seine blasen Touristenboote
Feinstaub in die Trommlerlungen
4–5 Arten Schlagstockpolizei
Wetteifern wer den längsten hat
Ouf, bizarre, débile, malade:
4 Lieblingswörter in Paris

10. Ob sie nun kämpfen oder spaßen wollen
République sind sie ganz froh
Über die Schutzmacht
Nach dem März ein weiterer Mai
Verdauert, ausgestanden, spätestens
Im Juli wart’ ich auf November

Fast egal wo fiebrig
Fröstelnd uneins in der Haut
Man möchte sich zerreißen
Und auf Taubenflügel streuen
Soviel Schönheit
Soviel Reiz

11. Der Norden: Text- und Bilderbuch
Der glorreichen Geschichte
Jean Jaurès bei Stalingrad
Schwarzafrika Boulevard Strasbourg
Nur Algerien und Mururoa
Sind schon all zu lange her

Das Neunzehnte und Zwanzigste sind noch
Zu groß zu bunt zu fern
Um schick und überrannt zu werden
Menschen lächeln, singen
Gehen abends zum Kanal
Sind Blei in meinen Reisekoffern

12. Vor dem wieder nur vorletzten Abschied
Einen Tag in schwarzweiß auf dem Père Lachaise
Unweigerlich such’ ich ein Plätzchen
Gerad’ als wär’ es nicht egal
Wo man vergraben liegt
Wenn keiner weiß, dass man gelebt hat

Ecke Rivoli und Saint Martin
Wohnt seit paar Jahren ein Clochard
In einem Rollwagen
Und streut
Immer zum Frühstück
Reis für wilde Vögel