Mischformen

Manche Texte sind schwer einzuordnen. Die gelegentlich im Lichtwolf erscheinenden MEEDA-Artikel könnte man am ehesten unter dadaistischer Wissenschaft verbuchen.

Zwei Kater (2009)
Wenn sie sprechen könnten, würden wir sie nicht verstehen, sagt Wittgenstein über die Löwen. Vielleicht waren es auch die Tiger. Das schaut man nicht nach, man lässt es ehrfürchtig sinken; der „bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts“ selbst wird es beim Prägen seiner Aphorismen nicht anders gehalten haben.
Hinten raus sind kleine Gärten voller unverstandenen Lebens. Die Würmer, Asseln, Schnecken, Zecken würden wir auch nicht verstehen, wenn sie Naturdokus fürs Kinderfernsehen drehten. Nun schreiten mehrmals täglich zwei Kater die Gartenmauern wie umfochtene Kämme eines geteilten Königreiches ab. Sie schreien sich an, rollen im Kampf über die Laubendächer, reißen sich die Haut vom Leib. Ein Sprung in den Vogelbeerbaum, und die Spatzen ließen Federn  aber die kennen schon die Farce von Krieg zwischen zwei Herrschern ohne Land und Leute und nehmen die verlumpten Kämpfer nicht einmal mehr ernst.
Manchmal liegt einer der beiden reglos auf dem Dach unseres Schuppens, als hätte er es endlich überstanden. Dann erhebt er sich am Ende doch, ganz alt und steif, mit seinem Schlitzohr, seinem lahmen Fuß, hat wieder eine neue Wunde, überhaupt bald schon mehr Schorf als Fell; der Kampf um die Alleinherrschaft kann weitergehen.
Es ging nie um Futter und geht längst nicht mehr um Frauen. Es geht, bis einer draufgeht, denn es geht ums Prinzip. Auch wenn sie sprechen könnten, würden sich die zwei Balkonlöwen nicht gut verstehen. Aber sie hätten sicher manches zu erzählen. Auf eine düstere Art sind sie mir die zwei sogar nur zu vertraut.

MEEDA-Eintrag „Monster“ (2010)
Monster (-ø), das (griech.-lat.-engl.). Furcht erregende Gestalt.
Lt. Grimm aus griech. μοναστήριον, spδtlat. monasterium, „die Einsiedelei, die Angst hervorruft, welche wiederum Wahnvorstellungen von Schreckenswesen hervorbringt“; Kluge sieht engl. Ableitung aus Monstrum als Substantivierung v. lat. monere (erinnern, mahnen): das M. sei im MA als „mahnendes Zeichen der Gφtter [sic!] durch eine widernatόrliche Erscheinung“ gelesen worden; wahrscheinlich aber Kompositum aus griech. μόνος (einzig, allein) und στερεός (rδumlich, starr): das emotional und kφrperl. starre Einzelwesen, das von den Menschen, deren Nδhe es sucht, aufgrund seiner Hδsslichkeit gemieden o. verfolgt wird (vgl. die Steroide im modernen → Body-Building, die ebenfalls soz. instabilen Menschen räuml. exponierte, starr-monsterhafte Formen verleihen).
C.G.Jung sieht in der religionsgeschichtl. weltweit verbreiteten Beschreibung von M.n einen tiefenpsychol. „Archetypus“ am Werk, der in vorgeschichtl. Zt. aus Ekel u. Furcht vor, dann  Identifikation mit (nicht selten menschenähnl.) Feinden entstanden sei. Darauf aufbauend erklären neuere Ansätze die Anverwandlung zu M.n in spätrel.-neuheidn. Praktiken wie den → Halloween-Feiern oder dem organisierten „monsterhaften“ Konsum (häufig illegaler) Rauschmittel z. Erreichen e.s „zombieartigen“ Bewusstseinszustandes (M.Eliade, N.Elias); postrel. Alltagsphänomene wie den → Bärenhunger (frz.: faim d’ogre), z.B. auf „Monster Donuts“, „Monster Knuspies“ etc. (R.Barthes); sowie umgangs- u. werbesprachl. Redewendungen wie den → Affen (4.) kriegen, das → Tier (9.) rauslassen, innerer → Schweinehund u.v.m. (E.Henscheid, M.Rudolf).
Zahlr. z.T. eklekt. pop.kulturelle Neuinterpretationen wie das aus der semit.-griech. → Sesamstraße entlehnte omnivore Krümelmonster (wahrsch. zur arab. Süßspeise kr’m-al) oder die an altpers./babyl. Kriegsmaschinen angelehnten monster car races (engl.: „Ungeheuerautorassen“); bds. das in der am. Liebeskomödie variantenreich thematisierte Aufeinandertreffen des übergroßen „Schlaumeiers“ und seines Widerparts, des „Riesenesels“, belegen den Wandel, aber auch die fortwährende, soz. u. bildungs-indiff. Wirkungsmacht des Begriffes (vgl. etwa die erfolgr. Filmreihe Monster dicks and monster asses, USA 2006-2008; z.Zt. 16 Folgen).

Quelle: MEEDA  Morpho-etymologische Enzyklopädie der deutschen Alltagsprache. Unter der Leitung von Arno I. Mumreisch. Band 15: Lahm-Norch. E.G. Morgenroth Verlag: Köln 2008.