Prosa

Kurzgeschichten waren lange meine wichtigste prosaische Ausdrucksform, weil sie sich in wenigen halbdurchwachten Nächten herunterschreiben und auf öffentlichen Bühnen und bei eigenen Lesereihen in Gänze vorlesen lassen; mit „Oswald“ und „Liebe kaputt“ sind regelrechte Zyklen entstanden, die freilich nach den Lesungen ungedruckt in der Schublade verschwanden.

Mit etwas Glück „gewinnt“ man eine – selbstverständlich unbezahlte – Veröffentlichung, mit deutlich mehr gewinnt man sogar einen kleinen Preis, wie mit der ”Hitze” von 2005 (die etwas länger ist und mit Fußnoten daherkam, weshalb sie am besten auf Papier zu zu lesen ist). Die folgende ist in der österreichischen Zeitschrift erostepost erschienen.

 

Autobahn (2011)
Ein paar Worte, und der Kleinbus durfte durch. Die Nacht war plötzlich hell und gelblich. Baulärm hob an. Seine Kollegen schauten raus, aber Niklas sah, dass sie grinsten. Soviel Vertrauen hatten sie also in ihn. Ob er das schon könne, hatten sie gefragt. Das sei schließlich Verantwortung, der ganze Verkehr. Das sei schließlich was anderes als Schilder aufstellen, Kaffee kochen und Löcher zu füllen und zu plätten.

Sie hielten auf dem Standstreifen. Die Tieflader und der Pritschenwagen parkten großzügig hinter ihnen. Platz war ja genug. Der Chef wirkte etwas verlegen. „Hier, die Weste und die Binde. Viel ist wohl nicht los. Wenn was ist, kommst du zu mir.“ Ein anderer stieß ihn an, „Nimm dein Spielzeug mit“, und hielt ihm die Matchbox-Walze mit dem Firmenlogo hin. Alle lachten. Auch der Chef. Dann gingen sie an die Arbeit. Mit dem Abtransport der alten und der Montage der neuen Brücke hatten sie nichts zu tun. Niklas’ Firma erneuerte nur die Mittelleitplanken und ein Stück der linken Fahrspuren. Ihr Zeitplan war der gleiche: Morgen früh musste der Großteil der Arbeit erledigt sein. Die Männer luden Werkzeug, Planken und Maschinen ab, studierten Pläne, sprachen mit den Kollegen der anderen Firmen und viel mit sich selbst. Nur mit Niklas sprachen sie nicht. Niklas passte auf, dass sich im Autobahnverkehr niemand verletzte. Allein, die Autobahn war heute Nacht gesperrt.

Die erste Stunde lief er umher, rieb sich die Hände, packte bei den anderen Firmen mit an. Es herrschte gelassene Betriebsamkeit. Über achtzig Männer waren in dieser Nacht am Werk, jeder an seinem Platz. Alle sahen ihn schief an mit seiner Ordnerbinde, schnitten ihn, stießen sich feixend in die Rippen. „Nee, Junge, du tust dir noch weh“, sagte einer, „sieh mal lieber zu, dass nichts passiert.“ Ein anderer schlug sich auf den Arm und rief „Ordnung muss sein!“ Alle lachten. Da schlenderte er nur noch herum. Gerne hätte er geraucht oder getrunken, aber er trank und rauchte nicht. Auf den neuen Schallschutzwällen waren dunkel ein paar Schaulustige zu erkennen. Durften die dahin? Sollte er die jetzt melden?

Einmal war er geblendet. Zwei Strahler leuchteten ihm ins Gesicht. Irgendwo rief sein Chef. „Ist gut, ich sehe ihn. Jetzt hört doch mal auf mit dem Scheiß!“ Es wurde Nacht, die Baustelle gewann wieder Konturen. Der Chef stand neben ihm.

„Hier, dein Handy hat eben geklingelt. Sicher dein Papa.“
„Er ist nicht mein Vater.“ 
Der Chef nickte und verschwand. Niklas rieb sich die Augen. War das zu schroff gewesen? Er drückte auf Rückruf. Sein Pflegevater.
„Ja, Niklas, ich wollte mal fragen, wie es läuft.“
„Ganz schlecht jetzt, alle Hände voll zu tun. Reden wir morgen drüber.“
„Ja, du... also du schaffst das, Junge, ganz sicher. Ja, und wenn nicht...“

Er drückte ihn weg. Dann eben nicht. Wenn nicht, dann eben nicht. Das war wirklich keine Matheprüfung hier oder ein Überlebenstraining. In anderen Ländern ließen sie Häftlinge die Straßen bauen. Aber er hatte sich gefreut, bei so einem großen Ding mitwirken zu dürfen, Straßenbau auf der A3. Und dann an dieser Stelle. Als würde was bereinigt. Als schütte man ein Loch zu und fahre mit der Walze drüber. Am Ende wäre alles heil und neu und jedermann zufrieden.

Kurz vor Mitternacht kamen drei Monteure zu ihm. Sie hatten beim Pinkeln eine Entdeckung gemacht. Einer zeigte hinter sich ins Dunkel stadtauswärts. „Hier, Wachmann! Da hinten Richtung Sperre, da sitzt einer im Busch.“ Die anderen beiden grinsten und wippten mit den Knien. „Ohne Scheiß jetzt, geh mal gucken. Der ist wohl schon länger da, mit Zelt und allem.“ Er rechnete mit einem Scherz, ließ sich Zeit. Doch in der Tat, zwischen den Leitplanken, in den von Abgasen und Feinstaub grauen Büschen stand ein Zelt. Niklas trat näher. Eine Taschenlampe hätte er jetzt haben sollen. In seiner Leuchtweste klickerte nur die Spielzeugwalze. Ein Radio lief. Die Verkehrsnachrichten. Drei Meldungen ganz aus der Nähe. Es schien, hinter den Absperrungen stauten sich Blech und Menschen über zusammen dreißig Kilometer. Dann kam Klassik. Das Radio wurde ausgeschaltet, jemand kam aus dem Zelt und brummte, „Das kann ja noch dauern.“ Ein unauffälliger Mann, mittelalt, mittelgroß, nicht ungepflegt, eher praktisch angezogen. Niklas versuchte, sich alles einzuprägen. Vielleicht musste er das melden. Der Mann streckte sich und sah ihm ins Gesicht. „Bis das wieder ins Reine kommt, meine ich. Bestimmt bis morgen Nachmittag.“ Niklas schüttelte den Kopf, aber der Mann verschwand wieder im Zelt.

„Hören Sie... hören Sie? Ich weiß nicht, ob Sie hier bleiben können, aber die Sperrung dauert wohl bis sechs Uhr früh.“

Es raschelte. Der Mann kam wieder heraus, bot ihm wortlos ein paar Salzstangen an. Sie schauten auf die Baustelle. Niklas’ Leute hatten die verbeulten Planken in der Nähe der Brücke abmontiert und rissen den Randstreifen auf, um die neuen verankern zu können. Bis hierhin würden sie nicht kommen. Das Salzgebäck war gut. Fast wie Rauchen, stellte er sich vor.

„Schon früher. Ab sechs kommt alles wieder ins Reine. Glaube ich.“

Der Mann sah ihn an, überlegte. Dann beugte er sich ins Zelt, zog einen großen Schreibblock hervor und blätterte darin. Niklas sah rote und schwarze Striche, Spalten mit hunderten, tausenden roter und schwarzer Striche.

„Die Roten fahren nach Duisburg, die Schwarzen fahren zurück. Morgens fahren sie rein, abends wieder raus. Es geht immer auf.“

Er gab ihm den Block in die Hand. An den Seitenenden standen Überträge. Schon kramte er einen weiteren Block hervor.

„Das ist Gestern. Der Samstag ist etwas komplizierter. Ich beginne abends um 20 Uhr 52. Da sind die Wochenendpendler schon fort, dafür kommen die Diskobesucher. Ein paar LKWs sind auch noch unterwegs.“

Niklas vertiefte sich in das Strichblockmuster wie in eine tiefere Wahrheit.

„Dann sind Sie jeden Abend hier?“

Der Mann lachte.

„Soviel Spaß macht es dann doch nicht. Eigentlich nur samstags. Die Nacht eben, bis die Rechnung stimmt. Jetzt kommen Sie mir dazwischen mit der Sperrung. Aber das war Zeit, dass Sie mal was machen. Gerade hier. Und Sie sind... Ordner?“

Niklas zog die kleine Walze aus der Tasche. Der Mann betrachtete sie aufmerksam – „darf ich?“ – und fuhr damit über die Strichliste. Dann klingelte das Handy. Der Chef diesmal. Ob er gerade könne, sie hätten jetzt doch Arbeit für ihn. Die alten Planken müssten fortgetragen werden. Der Mann schaute auf die Uhr. Niklas schickte sich an zu gehen.

„Man wartet eigentlich nie lange. Das ist das Gute.“

Er gab ihm das Spielzeug zurück.

„Gut, diesmal dauert es natürlich. Aber es lohnt sich.“

Niklas gab ihm die Hand, zog entschuldigend die Schultern hoch. Das würde er nicht melden. Das ging keinen was an.

„Immer samstags“, rief der Mann ihm hinterher.

Kurz vor neun.