Ultrakurzgeschichten

Als literarische Scherzartikel gibt es jetzt Werke der Weltliteratur im Twitterformat, z.B. Krieg und Frieden. Das ist extrem. Die selbstgewählte Vorgabe bei meinen gut dreißig UKGs und UKMs (also Ultrakurzgeschichten bzw. -märchen) waren 2.000 Zeichen oder weniger.

Chiffreanzeige (2007)
Ich hatte mir was Feineres angezogen. Ein Nachmittagstermin, 2 Zimmer rustikal möbliert. Wir machten es uns bequem, tranken ein Glas Sekt und stellten uns gar nicht groß vor.
Wie denn der erste Eindruck sei. Ich nickte zustimmend, „sehr hübsch so weit“, ungefähr so was hätte ich im Kopf gehabt.
Sie lächelte, sie sei zwar klein, aber gut geschnitten.
„Oh, das passt schon“, sagte ich, „genau richtig. Erzählen Sie doch mal!“
Sie nippte am Glas und sammelte sich.
Also nicht groß, das hatten wir. Vor mir waren schon viele andere drin, in Ordnung. Etwas düster? Kam mir auch so vor, aber ich sagte, „kein Problem“, ich sei selbst kein Sonnenscheinchen. Ja, aber laut, und im Sommer recht heiß? Auch damit konnte ich leben. Es war ja sowieso nicht für ewig, eher für den Übergang, bis ich Geld für was Besseres, Größeres hatte. Das sagte ich ihr aber nicht, sondern, dass soweit alles stimme. „Ist denn sonst noch was?“
Die kleine Frau nahm allen Mut zusammen und gestand, gut, sie sei ziemlich feucht und dementsprechend billig. Aber, schob sie nach, sie sei auch vielseitig nutzbar, durch den Hintereingang, den vergessen viele.
„Hintereingang?“ Ich zog die Augenbrauen hoch. Ich war längst entschlossen, sie zu nehmen.
„Sicher“, lachte sie erleichtert, „hier ist Platz für zwei, zur Not für drei“, und deutete in die entsprechenden Richtungen.
Das mochte gehen. Ich bremste sie, man solle nichts überstürzen, vorerst sei ich allein, und fragte nach den Konditionen: „Kann ich mir das mal im Detail ansehen? Und überhaupt, wann kann ich rein?“
Sie sprang auf und strahlte, „na lieber jetzt als gleich!“ Sie hatte es eilig mit dem Ausziehen.

Und so kam es. Nachher sprachen wir über die Wohnung.

 

Der Endspurt der Welt (2010)
Die Koryphäen waren sich ausnahmsweise einig. Nur wenige Lichtjahre entfernt fand eine Supernova statt oder hatte genau gesehen schon stattgefunden. In etwa dreißig Jahren würde ihre Strahlung die Erde erreichen und alles mehrzellige Leben auf ihr unweigerlich vernichten. Wie bei Weltuntergängen üblich gab es Zweifler, Religiöse und allerhand andere Verwirrte. Das Gros der Menschen teilte sich in Fatalisten, die weitermachten wie bisher (sie hatten schon ganz anderes überstanden) und Pragmatiker, die eine wirtschaftlich und sozial verträgliche Lösung für die Herausforderung suchten.
Schon bald konnten Vertreter beider Gruppen ein unwiderstehliches Abwicklungsprogramm für die irdische Restlaufzeit präsentieren. Sie legten zugrunde, welche Grenzen und Möglichkeiten dem Menschen bei normaler Entfaltung gegeben waren und zwängten die Entwicklung in einen ehrgeizigen 25-Jahresplan mit etwas Pufferzeit am Ende. Rohstoffe und Arten versiegten, das Klima kippte, andererseits vervielfachten sich Konsum und Mobilität. Das alles würde jetzt im Zeitraffer geschehen. Nur Wissenschaft und Kunst ließen sich nicht beschleunigen. Man konnte halt nicht alles haben.
Der „Big Boom vor dem Big Bang“ versetzte den ganzen Erdball in emsiges Treiben. Die Industrieregierungen ermöglichten ihren Bürgern Neukauf und Abwracken großmotoriger Autos im Monatsrhythmus. Jeder Mensch verzehrte im Schnitt ein halbes Schwein mit Sahne täglich, und die andere Hälfte schmiss er fort. Man arbeitete doppelt und verdiente dreifach. Wälder wurden Weideflächen, Meere Müllentsorgungsparks, die Dritte Welt erfreute sich an Fast Food, Fernsehern und Feuerwaffen. Endlich waren statistisch fast alle Menschen ziemlich glücklich.
Zur Halbzeit der Endzeit revidierten die Experten ihre Expertise. Der Erde blieben nunmehr doch noch rund 5.000 Jahre, was kosmisch nach wie vor ein Klacks ist. Die Fatalpragmatiker betonten, dass die Forscher sich vielleicht auch in ihren ökologischen Berechnungen geirrt hätten und warnten vor unbedachten Schlüssen. So blieb alles beim Neuen. Die Sekten gründeten Bands und Lebensmittelketten. Ein paar Naturfreaks rauften sich die grauen Haare.