Ultrakurzmärchen

Märchen schreibt heute kaum noch jemand, und meist ist das auch gut so. In Ultrakürze erzählt können sie allerdings ihren eigenen Reiz entfalten. Hier zwei veröffentlichte:

Das Märchen vom Wohnberechtigungsschein (Arbeitstitel) (2009)
Es waren einmal ein junger Mann und eine junge Frau. Also jetzt nicht Jüngling und Jungfrau, sie hatten ja Kinder, jeder mindestens eins. Die waren doch der Grund, warum sie sich trafen, und zwar jeden Morgen, am Tor des Kindergartens. Da standen sie also, wenn sie die Rotzlöffel abgegeben hatten, und waren gar lieblich anzusehen. Die Gattin des Mannes war eine große Hexe, die kleine Katzen in dunkle Löcher steckte, frechen Kindern böse Prügel gab und aus dem Mund nach faulen Eiern roch. Vielleicht war sie auch eine freche Katze, die faulen Kindern kleine Eier gab und bösen Hexen große Prügel in dunkle Löcher steckte, oder es war noch ganz anders. Der Mann der Frau aber vertrank sein Werkzeug, fiel durch Spielen auf, hielt schwarze Messen ab und verkaufte arme Kinder in gegrillten Vierteln. Es sei denn, er grillte mit den verhaltensauffälligen Kindern aus dem Armenviertel und verkaufte schwarze Getränke auf der Spiel- und Werkzeugmesse. Auf jeden Fall war es schrecklich.
Der junge Mann und die junge Frau, nennen wir sie Heinz und Heidi, waren also voller Bitterkeit und Sehnsucht. So entbrannte nur zu bald der zarte Spross der Liebe zwischen ihnen, gerade da, wo so etwas entbrennt, oder vielmehr keimt, und es keimte ziemlich, besonders bei Heinz, aber bei Heidi auch nicht schlecht. Und so kam, was kommen musste. Heinz schlug auf dem Sommerfest des Kindergartens Heidis Ehemann im Sackhüpfturnier und ließ ihm doch gnädig das Leben. Heidi erkochte sich in der Königsdisziplin der Muutzemandeln die Goldene Kelle mit Eichenlaub und wurde im Topfschlagen sogar Vizemeisterin der Regionalliga Bergisches Land. Bald sah man sie nur noch gemeinsam auf den Siegertreppchen, und auch die Kinder tauschten brüderlich ihre Popel. Hatte sie nicht das Schicksal für einander bestimmt?
Nein. Gerade in jener Zeit beraubte nämlich der böse Truchsess Hartz IV. die Armen des Landes der königlichen Hilfen, und wer erwog, in eine eheähnliche Gemeinschaft zu ziehen, musste echt alles noch mal durchrechnen. Und Liebe hin oder her, man will sich schließlich nicht verschlechtern.

Geld abzugeben (2008)
Eine neue Mitarbeiterin der Volksbank Dünnwald-Holweide eG hatte Reuter versehentlich das Vermögen der Bill-Gates-Stiftung überwiesen. Wie er auf dem Kontoauszug sah, lag der Vorfall schon einige Wochen zurück. In der Zwischenzeit waren bereits einige Millionen Dollar Zinsen eingegangen. Frau Bongartz, Reuters langjährige Sachbearbeiterin, konnte ihm nicht wirklich weiterhelfen. Von dem verantwortlichen “jungen Ding” habe man sich schon wieder getrennt, sagte sie, das sei schließlich nicht das einzige “Mallörchen” gewesen. “Ständig brachte sie alles durcheinander. Mir hat sie Apfelriemchen statt Gedeckten Apfel vom Bäcker mitgebracht, können Sie sich das vorstellen? Mit diesen Zuckerkörnern oben drauf.” Reuter schüttelte sich mitfühlend. “Aber das Geld”, wollte er wissen, “diese Milliarden hier?” Frau Bongartz war mit den Gedanken noch beim Essen. Der Imbiss nebenan hatte mittwochs Sauerkraut und Kasseler, da würde sie sicher noch mal vorbeischauen. “Also, wir können das nicht mehr rückgängig machen. Entweder Sie kümmern sich selber darum, oder Sie behalten das Geld. Gehen Sie mal ins Kino davon, oder essen Sie Kasseler.”
Kasseler? Reuter war nicht überzeugt. Zuhause ging er in sich. Solche Geldsorgen kannte er gar nicht. Der Zaster musste weg. Wer etwas haben wollte, sollte ihn einfach überzeugen. Auf eine Chiffre-Anzeige “Mio. in gute Hände abzugeben” kam körbeweise Post, vor allem von Kindern, die das Geld in Playstations, Weingummi und Stinkbomben stecken wollten. Die zweite Gruppe waren Wissenschaftler, deren Forschungsanträge seit Jahren abgelehnt wurden. Reuter gönnte einigen Projekten eine Million, weil sie so phantasievoll klangen, etwa der “Forschungsstelle Vergleichende Koprophagie, Schwerpunkt: Unpaarhufer” oder dem “Hannah-und-Eddi-Ahrendt-Kolleg für Homonymentrennung”. Die Kinder sollten auch was kriegen, aber nur Bio-Weingummi. Beim zwanzigsten Brief klingelte das Telefon. Frau Bongartz wollte nach einer Woche mal hören, wie die Dinge liegen. Reuter war erleichtert: “Wissen Sie was? Sie nehmen sich jetzt einen Stapel Spendenüberweisungsträger und schreiben große Zahlen darauf. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Haben Sie schon gegessen?